Defizit- vs. Potenzialorientierung

Jeder kennt Deutschland sucht den Superstar. Jeder weiß: es ist einfach diejenigen zu identifizieren, die schlecht singen – sie fallen sofort auf. 

Je weiter die Sendung fortschreitet und je besser die verbleibenden TeilnehmerInnen sind, desto schwieriger wird es zu deren einzelne Qualitäten zu unterscheiden. Manche singen einfach nur richtig im Sinne von korrekt, andere singen so, dass man eine Gänsehaut bekommt. Das gilt nicht nur für DSDS. Das ist überall so: Fehler erkennen wir leichter und können sie leichter beschreiben als Potenziale.

Machen wir die Gegenprobe:

Warum bekommt man beim Gesang einer Person eine Gänsehaut und eine andere Person singt großartig, es lässt einen aber kalt? Offenbar hat Person A eine besondere Gabe. Diese ist viel schwieriger zu beschreiben als das Defizit der Person, die falsch singt oder nicht mal falsch aber nur korrekt. Was fehlt dem Gesang der Person, die nur korrekt singt? Was kann die Person, die uns mit ihrem Gesang berührt?

Das ist sehr schwer auszudrücken. 

Wir können dieses Beispiel auf viele andere Bereiche übertragen: es einfach zu sagen, dass den meisten Menschen eine Landschaft, in der ein Atomkraftwerk steht nicht besonders hübsch vorkommt. Es ist anspruchsvoll zu beschreiben, warum man das Meer liebt – oder die Berge.

 

Warum ist Mona Lisa das berühmteste Bild der Welt?

Warum ist Mona Lisa das berühmteste Bild der Welt? Ist es besonders schön? Gar nicht unbedingt. Was macht dieses Bild aus – eine schwierige Frage.

Von den schönen Künsten in den Alltag: unser Ausbildungssystem ist im Wesentlichen an Defiziten orientiert – auch wenn dort ebenfalls die Kompetenzorientierung seit einiger Zeit Einzug halten soll. 

Aber: wenn eine Schulaufgabe oder Klausur korrigiert wird – dann achten Lehrer und Professoren nicht unbedingt darauf, wo die Nuggets in einer Lateinschulaufgabe zu finden sind, sondern sie suchen die Fehler, zählen diese zusammen und ziehen sie von der erreichbaren Gesamtpunktzahl ab. 

Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Es ist einfacher und geht schneller. Finde den Fehler – das Spiel für Kinder, in dem man zwei Bilder vergleicht, ist beliebt. Finde die Ressource – das gibt es nicht als Spiel.

Es gibt also Gründe dafür, dass man sich an Defiziten, an Fehlern orientiert:

  • Es ist einfacher
  • und es es geht schneller

Aus der Evolution können wir sagen: es war immer wichtiger den giftigen Pilz, die giftige Beere zu erkennen als die Beere oder den Pilz, die besonders gut schmecken. 

Schnelles Denken, Langsames Denken

Und: Menschen machen sich die Welt gerne einfach. Der Nobelpreiträger Daniel Kahnemann zeigt das eindrucksvoll in seinem berühmten Buch Schnelles Denken, langsames Denken: er beschreibt darin, dass wir Menschen zwei Denksysteme haben. Ein System für das schnelle Denken, das alltägliche Denken, die schnellen Problemlösungsschemata, die uns durch 80% aller Herausforderungen navigieren. 

Und wir haben ein zweites System, das System des langsamen Denkens, bei dem man sich anstrengen muss zu denken, bei dem man neu denken muss, das einen aber auch in der Entwicklung weiterbringt. Wir Menschen vermeiden das langsame Denken tendenziell. 

Potenziale und Kompetenzen und Ressourcen zu erkennen erfordert jedoch langsames Denken, Defizite zu erkennen ist im Modus des schnelle Denkens möglich. Menschen lieben das. 

Folge: wenn dieses Denken in Bildungsinstitutionen und Unternehmen strukturell implementiert ist, hemmt das die Entwicklung bzw. die Entfaltungsmöglichkeiten der Personen, die sich darin befinden. Das ist schade, aber das ist menschlich. 

Man kann das Lehrern, Professoren, Chefs, Menschen, die ein Recruiting-Gespräch führen gar nicht unbedingt vorwerfen automatisch so zu handeln. Jeder handelt automatisch so. Man kann aber den Anspruch stellen, dass man von dieser Konvention immer wieder abweichen sollte. Und den dafür notwendigen Aufwand betreibt und Menschen individuell fördert. 

Defizite sind Gleichmacher

Tolstoi schreibt am Anfang von Anna Karenina sinngemäß: alle glücklichen Familien ähneln einander, in ihrem Unglück aber unterscheiden sich alle voneinander.

Ich glaube dieser Satz ist falsch. Defizite sind gleichmacher. Alle unglücklichen Familien haben ähnliche Probleme – es sind immer die selben Themen, die immer wieder erschreckend banal sind. Wie man glücklich bleibt ist hingegen eine komplexe Frage, die sich viel schwieriger beantworten lässt. 

Und welche Potenziale jemand hat und wie man diese entwickeln kann – das sind ebenfalls Fragen, für die man langsames Denken braucht. 

Mit Skimio allerdings kann man diesem langsamen Denken die Schwere nehmen und potenzialorientierte Entwicklungen bei Individuen und im ganzen Team und Unternehmen anstoßen.