Alle sind sich einig – und was nun?

Meine Beobachtungen auf der Zukunft Personal 2019

Skimio auf der Messe Zukunft Personal in Köln 2019
Zukunft Personal 2019, unser SKIMIO Stand

Zukunft Personal, digital first und VHS Kassetten

Der Begriff „Personal“ klingt zwar etwas altmodisch, aber die Messe Zukunft Personal liefert tatsächlich Impulse für die Herausforderungen der Zukunft. Um es also vorwegzunehmen: Die drei Tage in Köln haben für mich und das SKIMIO Team Sinn gemacht. Für diejenigen, die nicht dabei waren: Die Zukunft Personal versteht sich als Leitmesse für alle Themen rund um Recruiting, Personalentwicklung, Personalmanagement und New Work. Also um all das, was für kleine, mittelgroße und große Unternehmen überlebenswichtig ist: Um Menschen. Und was bereits 2018 erkennbar war, präsentiert sich 2019 überdeutlich, ja, radikal. Für die vielfältigen Herausforderungen der strategischen Personalentwicklung reichen die lieb gewonnenen, gewohnten Modelle, Tools und Konzepte nicht mehr aus, ebenso wenig für das Nutzungsverhalten und die Bedarfshaltung (nicht nur!) der digitalen Generation. Gefragt sind wirkungsvolle digitale Lösungen – easy to use, plug & play, connected, kosteneffektiv (und am besten irgendetwas mit AI). Und danach suchen auch alle – nur allzu oft allerdings, ohne zu wissen, wonach eigentlich ganz genau. Also, erste Erkenntnis: Digital first. Daher wirken auch Bücherstände, VHS-Kassetten (!!!) und Offline-Trainingsangebote auf der Messe isoliert und fast ein bisschen nostalgisch neben dem spitzen, breiten, bunten, lauten digitalen Angebot der Branchen-Platzhirsche und der vielen kleinen und größeren Startups. (Zuweilen entsteht der Eindruck, die Internet-Messe DMEXCO und die Frankfurter Buchmesse der 90er Jahre konkurrieren am gleichen Ort zur gleichen Zeit).

Also Frage: Zukunft Personal 100% digital? Antwort: Jein! Denn eigentlich sind sich alle einig: So ganz ohne Menschen geht es nicht, wenn es um die Fort- und Weiterbildung von Menschen geht. Aber „digital“ kann und muss Prozesse und Maßnahmen unterstützen – ganzheitlich, verbindlich, flächendeckend, konsequent und vor allem: JETZT.

“Digitales Mindset – was ist das?”

Noch eine Beobachtung: Die Vermutung, dass wir uns von einem Arbeitgeber- hin zu einem Arbeitnehmermarkt bewegen, ist natürlich bei (fast) allen Besuchern der Messe längst zu einem Axiom gereift. Denn in Wirklichkeit befinden wir uns nicht auf dem Weg dorthin, sondern wir sind dort bereits angekommen. Sinnlos also, mitten im Paradigmenwechel zu versuchen, die vertrauten Tools und Modelle der (guten?) alten Zeit anzuwenden oder irgendwie umzudeuten. Das funktioniert nicht – da sind sich alle einig. Neu denken, Denkrichtung verändern, mutig sein. Nur so geht es (da sind sich auch alle einig). Aber wie nur? Da haben die Wenigsten eine klare Vorstellung oder wenigstens eine Vision. Kein Wunder daher, dass sich auf der Zukunft Personal 2019 alle offenen und geschlossenen Diskussionen und Vorträge eng an den Themen Kulturveränderung, Neues Lernen, Kompetenzentwicklung und ja – digitalen Lösungen orientieren. Typische Erkenntnisse sind dann: „Wir wissen, dass wir ein Problem haben! Wir wissen nur nicht, welches.“ „Wir machen schon so was mit digitalen Tools, aber das funktioniert nicht.“ „Wir brauchen ein digitales Mindset.“ Auch wenn unklar bleibt, was ein digitales Mindset ist: Das sind – ganz ohne Ironie – wertvolle Gedanken, Impulse und das ist viel Offenheit. Lob an die Veranstalter: Viel Raum für Diskussionen auf der Messe in klein und groß. Das ist zeitgemäß und das ist wichtig.

“Schritt für Schritt – aber welchen zuerst?”

Die Anbieterseite auf der Messe gibt Vollgas. Für jedes Problem eine digitale Lösung. Feedback-Tools, Transfer-Tools, OKR-Tools, Matching-Tools, Learning Tools und vor allem: Sonstige Tools. Außerdem: Verwaltungs-Software und Recruiting-Lösungen, Meditations- und Motivations-Apps. Und ganz viel mit Gesundheit und ganz viel mit Talents und analoge und digitale Wundermittel, mit denen man die Generation Y and Z findet, bindet und nachhaltig begeistert. Also: Unzählige Problem-Löser für unzählige Probleme und Herausforderungen. Das führt (nicht nur) aus meiner Wahrnehmung dazu, dass sich viele Anbieter zwar klar positionieren und auch für ihre Funktionsfelder gute und passende Lösungen anbieten. Es führt aber auch dazu, dass die HR- und Personalverantwortlichen im Dschungel der digitalen Möglichkeiten die Orientierung verlieren oder schlimmer: Erstmal abwarten und gar nichts machen. Warum: Die fragmentierte Tool-Landschaft schafft bei den Entscheidern und Verantwortlichen oftmals mehr Fragezeichen als Lösungsansätze. “Mit welcher Lösung soll ich starten?” “An welchem Punkt soll ich digital testen?” “Was ist eigentlich meine zentrale Herausforderung?” “Und dann … mal schauen?” “Schritt für Schritt, ok. Aber welchen zuerst?”

Zukunft Personal 2019, Claas Triebel Skimio auf der Bühne
SKIMIO Co-Founder Claas Triebel on ZP#19 stage

Digitalverweigerung leicht gemacht

Eine anderes Diskussionsthema auf der Messe: Wie nehmen wir die „Digitalverweigerer“ mit auf die digitale Reise? Gute Frage! Selbstbestimmtes Lernen zum Beispiel funktioniert ja im Wortsinne am besten selbstbestimmt. Die meisten digitalen Anwendungen machen aber keine Lust aufs Lernen (schon gar nicht auf selbstbestimmtes). Hinter einer Fassade aus Bots und Premium Content versteckt sich in der Regel nichts anderes als ein gewaltiger digitalisierter Leitz Ordner. Same procedure as offline trainings – nur in fancy. Auch heftig diskutiert: Das Thema „User Experience“. Einfaches „Onboarding“ ist gefragt, device-übergreifende Nutzung und das, was man „easy to use“ nennt. Der Status Quo in deutschen Unternehmen allerdings spricht eine andere Sprache: Die aktuell von Unternehmen eingesetzten Learning Management Systeme lassen sich ähnlich umständlich bedienen und nutzen, wie die Hauptschalttafeln von Kernkraftwerken. So macht „digital“ keinen Sinn, keinen Spaß und darum bewegen sich die Nutzungszahlen der Mitarbeiter auf konventionellen Learning Tools im homöopathischen Bereich. Ach ja: Da sind sich (fast) alle einig. Und so bringt man weder Digital-Verweigerer noch potenziell ambitionierte Mitarbeiter (und HR Verantwortliche) dazu, konsequent und motiviert den digitalen Weg zu gehen. Welcher sinnvoll ist. Und nicht aufzuhalten. Da sind sich auch alle einig.

Ralf Hocke, Ralph Suda und Björn Böhning im Gespräch auf der Zukunft Personal in Köln 2019
Ich im Gespräch mit Ralf Hocke (Messechef) Björn Böhning (Staatssekretär BMAS)

Björn Böhning, 100% Startup Feeling und ein Schlangenproblem

Was habe ich sonst noch erlebt: Zum Beispiel Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der sich sehr unprätentiös am SKIMIO-Stand über das Thema Digital Learning informiert hat. Ein Gespräch auf inhaltlicher und digitaler Augenhöhe. Das macht Mut für die Zukunft!!!

Und: Eine hoch-spannende und lebendige Startup Area, in der Startups nicht wie üblich ein Ghetto-Leben fristen. Tolles Konzept – auch hier: Lob an den Veranstalter.

Weniger nett: Da diskutieren wir über Quotenreglung und gender equality. Und dann stehen die weiblichen Besucher der Messe geduldig (!) in 100m Schlangen vor dem Toilettenbereich, während die Männer problemlos und ungebremst an der Schlange vorbei in „ihren“ Naßzellenbereich bummeln. Ich empfinde das als unzeitgemäß, beschämend und diskriminierend.

Fazit

Die Messe Zukunft Personal ist wichtig und liefert eine Austauschplattform und wertvolle Impulse für Personalverantwortliche und Anbieter von Lösungen und Services. Die Zukunft Personal ist dabei mehr als eine Produkt-Show und Verkaufsmesse. Viele drängende Fragen und Probleme der Personalentwicklung werden offen diskutiert. Natürlich bleiben viele Probleme ungelöst und viele Fragen unbeantwortet, aber auf der Messe ist es wie im richtigen Leben: Wenn nicht gefragt wird, dann bewegt sich nichts. Da sind sich alle einig!   


Ralph Suda, Co-Founder SKIMIO

Ralph Suda ist Co-Founder von SKIMIO, einem digitalen Lerncoach und beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren intensiv mit digitalen Geschäftsmodellen und der Kompetenzentwicklung in Teams und Unternehmen.


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